Angewandte Geschichte

Материал из Ярославский педагогический университет
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Deutscher Akademischer Austauschdienst,

Staatliche Pädagogische Universität Jaroslawl’ Universität Bielefeld

Kulturdepartment Jaroslawl’

Internationalen Sommerschule für russische und deutsche Studierende

Angewandte Geschichte: Aktuelle Vergangenheit
in öffentlichen und digitalen Ausbildung- und Museumsräumen

Kursdauer
14 Tage (2. – 15. September 2019)

Bewerbungsschluss
30. Mai 2019
Anreise der Teilnehmer: 1. September 2019
Abreise der Teilnehmer: 16. September 2019

Zielgruppe
Studierende der Geschichtswissenschaften;
Studierende der Sozialwissenschaften;
Studierende der Kulturwissenschaften;
Studierende der Kulturvermittlung und Museumspädagogik

Voraussetzungen
Universitäres Fachgebiet;
Forschungsinteresse bzw. Forschungsprojekt der Studierenden;
wissenschaftliche Eignung.

Bewerbungsunterlagen für Teilnahme
Ausführlicher Lebenslauf
Motivationsbrief ggf. Exposé eines eigenen Forschungsprojekts
Kopie des Reisepasses

Teilnehmerzahl
Maximum: 10

Kosten
Teilnahmegebühr beläuft sich auf 590 Euro und deckt den Transfer vom Bahnhof, Sprachkurse, Vorlesungen, Seminare und Workshops wie auch ein reiches Exkursionsprogramm (Stadtführungen, Museen, thematische Ausflüge). Diese Summe umfasst nicht die Kosten für die Anreise, Versicherung, Visabeschaffung und Verpflegung.

Visum
Die Teilnehmer, die den Auswahlprozess erfolgreich durchlaufen haben, erhalten eine offizielle Einladung, mit der sie ein Visum bei den russischen Vertretungen in Deutschland beantragen können.

Unterkunft und Verpflegung
Die Teilnehmer der Sommerschule werden im Studentenwohnheim (im historischen Stadtzentrum). Die Verpflegung kann nach eigenem Geschmack organisiert werden. Dafür verfügt die Universität über zahlreiche Cafes und Mensen. Vegetarische Kost ist in jedem Menü vorgesehen. Die täglichen Ausgaben werden maximal 10-15 Euro ausmachen.

Veranstaltungssprachen
Deutsch, Englisch, Russisch

Beschreibung zum Inhalt und zum Ablauf der Sommerschule
Sprachkurs
Der Fokus des Sprachkurses liegt auf Sprachpraxis und fachgebundener Lexika. Der Sprachunterricht dauert täglich 1,5 Stunden.

Fachkurs
In der modernen Welt wird die Rolle der Geschichtswissenschaft bei der Gestaltung und Verbreitung aktueller Vergangenheitsinterpretationen radikal transformiert. Die Abkühlung internationaler Beziehungen, die als ein “neuer Kalter Krieg” definiert wird, provozierte eine scharfe Nationalisierung historischer Narrative, einen Aufschwung von politischem Populismus und einen Zuwachs von rechtsradikalen Stimmungen und Bewegungen in den Staaten Mittel- und Osteuropas. Im Unterschied zu den westlichen Ländern wurde in Russland staatliche Geschichtspolitik und nicht die public history zu einem entscheidenden Faktor für die Strukturierung der Vergangenheitsbilder. Bei der Durchsetzung von den staatlichen Mobilisierungs- und Aufklärungsaktionen (so wie z.B. “Russland. Meine Geschichte”, “Der Name des Sieges” und neulich die Umbenennung des Flughafens) wird das Expertenwissen massiv ignoriert und durch das pseudohistorische Pathos ersetzt. Dies wird zu einem Motor für die Entstehung nationaler und sozialer Stereotypen, für die Segregation alternativer Interpretationen und ihrer Träger. Vergleichbare Erscheinungen werden in vielen Staaten des postsowjetischen Raums und des ehemaligen sozialistischen Lagers (Ungarn, Weißrussland, Polen) registriert. Die Situation wird insgesamt durch die globale Devalvierung des humanitären Wissens beeinflusst, die die gezielte Popularisierung von angewandten, technischen Wissenschaften begleitet. Zu einer dritten Herausforderung wurde die digitale Revolution, die den Laien erlaubte, die nichtverifizierbaren Versionen der Vergangenheit zu schaffen und sie unbegrenzt zu verbreiten. Die oben beschriebenen soziokulturellen Phänomene verlangen nicht nur nach der interdisziplinären Analyse im Rahmen der Gedächtnistheorie, global history, Kulturantrhopologie, sondern auch nach der Entwicklung der “angewandten Geschichte” (applied history), die seit einigen Jahren im Zentrum der wissenschaftlichen Debatten steht. Eine aktive öffentliche Positionierung von zukünftigen Historikern und Kulturwissenschaftlern scheint geeignet zu sein, um sich mit der Dauerkrise der Geschichtswissenschaft auseinanderzusetzen.
Das Ziel der internationalen Sommerschule in Jaroslawl’ ist, einen möglichen Diskussionsraum zu schaffen, in dem die russischen und deutschen Studierenden die Perspektiven der angewandten Geschichte besprechen können. Es sind die Fragen nach dem möglichen konzeptionellen und praktischen Umgang mit der aktuellen staatlichen Geschichtspolitik, mit der explosionsartigen Verbreitung populärer Erinnerungskultur, mit der Deprofessionalisierung der Geschichte und mit der Digitalisierung von historischen Landschaften zu diskutieren. Im Rahmen von Vorlesungen, Übungen und Exkursionen, aber vor allem der eigenständigen Projektarbeit werden die TeilnehmerInnen theoretische Analysenmodelle, sowie laufende (online) Projekte im Bereich der public history, Museumsaustellungen und Schuldidaktik kennenlernen. Der historische und museale Raum Jaroslawl’s – der momentan als die Hauptstadt des Goldenen Rings gepriesen wird – gibt eine einzigartige Möglichkeit, um die theoretischen und praktischen Ziele der Sommerschule zu realisieren.
Zur Teilnahme an der Sommerschule sind Bachelorstudierende ab dem vierten Semester und Masterstudierende eingeladen. Die Besucher der Sommerschule stellen ihre Projekte vor und diskutieren diese mit den anderen TeilnehmerInnen und ProfessorInnen, sowie auch mit den Spezialisten aus dem praktischen Bereich. Die Sommerschule besteht aus drei thematischen Modulen, in denen jeweils unterschiedliche Methoden der Wissensvermittlung und verschiedene Arbeitstechniken vorgestellt werden.

Modul I: Geschichtspolitik vs. public history: Erinnerungsräume im modernen Russland
Das Modul besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Der erste Teil widmet sich den aktuellen Konzepten der Gedächtnisforschungen, des emotionellen Erreignismanagements, der visuellen Gestaltung und Inszenierung von modernen öffentlichen Räumen. Im zweiten Teil geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit den laufenden Projekten der public history: Jubiläumsveranstaltungen, Popularisierung (Verdrängung) bestimmter historischer Akteure und Ereignisse und die Transformation des kommunikativen Gedächtnisses in das Kulturelle. Den TeilnehmerInnen steht bevor, die fließende Grenze zwischen den Intentionen der public history und den staatlichen Interventionen in die Geschichtsbilder zu realisieren, die Interessengruppen und ihre Konflikte im öffentlichen Geschichtsraum zum Vorschein zu bringen, sowie auch die Kommerzialisierungseffekte zu kontextualisieren. Als ein Element des Moduls ist eine Podiumsdiskussion mit den Vertretern der (quasi) öffentlichen Organisationen vorgesehen, die die aktuellen memorialen Projekte in Russland sowie auch im Ausland realisieren.

Modul II: Imaginäre Vergangenheit in den modernen Museen: Geschichte interaktivieren
Seit ihrer Entstehung ist die Natur von Museen zweideutig. Einerseits sind sie das Ergebnis des Herrschaftsdiskurses, andererseits beeinflussen sie ihn durch die mächtige Ressource – der “Authentizität der Dinge”. Heute genügt die Kraft der Authentizität nicht, so sind die Museen gezwungen, diesen Verlust durch die performativen Veranstaltungen zu kompensieren: jeder Versuch, das Vergangenheitsbild neu zu definieren, wird unvorstellbar ohne eine interaktive Zusammenarbeit mit den Besuchern, ohne Digitalisierung der Ausstellungen und ohne Reenactment. In diesem Modul bekommen die TeilnehmerInnen die Möglichkeit, aktiv in die Museumsprojekte involviert zu sein und die Perspektiven und Grenzen der angewandten Geschichte in den Museumsausstellungen einzuschätzen.

Modul III: Geschichte 2.0: lehren und lernen, propagieren und aufklären im Netz
In diesem Modul wird die Bandbreite von Internet-Ressourcen der etablierten historischen Ausbildung sowie ihrer Herausforderungen – nämlich der Reenactment-Communities, nostalgierenden Erlebnisgemeinschaften und alternativen Aufklärungsprojekten analysiert werden, die versuchen, ausweichende (oppositionelle)
Vergangenheitsinterpretationen zu kreieren und zu verbreiten. Die TeilnehmerInnen werden ein mögliches Online-Instrumentarium der angewandten Geschichte diskutieren, das auch die Präsenz der wissenschaftlichen Interpretationen der Vergangenheit in verschiedenen online-Formen möglich macht.
Neben der Besichtigung von zahlreichen Museen und Sehenswürdigkeiten werden die TeilnehmerInnen das UNESCO-Kulturerbe der Stadt Jaroslawl kennenlernen. Das Kulturprogramm beinhaltet den Ausflug in das orthodoxe Kloster Tolgobol’, sowie auch die Besichtigung von benachbarten Städten des “Goldenen Ringes” und von einem der erfolgreichsten privaten Rekonstruktionsprojekten des russischen bäuerlichen Unternehmensgeistes. Ein dichtes Kulturprogramm wird zu einer zusätzlichen Vorlage für die Diskussionen über die Bewahrung des historischen Erbes und dessen Kommerzialisierung für den inneren und ausländischen Tourismus.

Kontakt
Dr. habil. Oksana Nagornaia
Staatliche Pädagogische Universität Jaroslawl’
Tel. +7 (909)7437115
Email: nagornaja.oxana@mail.ru

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